Ein paar Irrtümer über Digitalradio – die zu korrigieren sind

White-Pure-KlassikQuelle: wb
Vor bald 20 Jahren wurde das Digitalradio-Zeitalter gestartet – zur gleichen Zeit als auch das Internet zu einem Massenmedium wurde. Jetzt kommt allmählich Schwung rein. Alle mühen sich, damit das Radio nicht als „analoge Insel“ in einer digitalisierten Welt zurück bleibt. Höchste Zeit also, mit ein paar Gemeinplätzen, Irrtümern und Kommunikationsfehlern aufzuräumen….

1. „Digitalradio? Wieso? Ich hab doch Internet!“
Kategorie: Blödsinn. Äpfel-und-Birnen-Vergleich.

Erklärung:
a) inhaltlich. Ja dieses Dings da, Neuland, ist auch digital. Und ja, da kann man auch „Radio“ hören. Und es stimmt: Kaum ein Sender, der nicht auch sein Programm als Stream anbietet. Und Portale wie iTunes und andere werben damit, dass sie 1000e weiterer „Stations“ bereithalten, jede nur erdenkliche Musikfarbe, bis in den kleinsten Genre-Fitzel ausdifferenziert, für jeden Geschmack etwas. Freilich sind das dann zumeist richtige Dudelstationen: ein Musiktitel nach dem anderen, in stets der gleichen Farbe und im gleichen Rhythmus. Musik als Tapete. Wie im Supermarkt. Eintönig. Nur dazu da, die Stille zu übertönen. Okay für den, der’s mag und braucht. Aber: RADIO ist das nicht.

b) technisch. Es geht um‘s Prinzip. Rundfunk: Einer sendet, viele empfangen – und das ohne weitere Kosten für die Zuhörer: Free-To-Air. Ganz im Unterschied zum Internet-Stream: Der funktioniert als 1 zu 1-Verbindung und ist letztendlich eben nicht umsonst: 4 Stunden Radiohören täglich, mobil mit dem Smartphone, summieren sich auf allein 500 Mbyte pro Monat. Also dem, was hinlänglich so als „Monatsflatrate“ inklusive ist. Und da ist dann noch keine einzige E-Mails abgeholt oder verschickt, ganz abgesehen von Internetsurfen, Socialnetworks, Video und so weiter. Also kostet das dem Hörer Daten – sprich Geld. Aber auch die Radioanbieter müssen zusätzlich zahlen: an die Netzwerkbetreiber – für jeden Internet-Stream, der aufgerufen wird. Bei Massenprogrammen mit Millionen von Hörern unbezahlbar. Eine Studie von Teracom aus Schweden rechnet vor, dass die Netzwerk- und Mobilfunkpreise um gar 96% fallen müssten, um mit den Kosten der Rundfunkverbreitung gleichzuziehen. Das ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Ähnliches hat jüngst auch eine von BR und die BLM beauftragte Studie der TUM ergeben.

Denn….und jetzt erst kommt das wirkliche Problem: Die Netzwerke – egal ob Festnetz oder Mobilfunk – sie haben weder die Kapazität, noch die Abdeckung, noch die Zuverlässigkeit der Rundfunkversorgung. Das herzustellen würde nochmals Milliarden-Investitionen bedeuten, die dann freilich wieder von den Kunden bezahlt werden müssten.

  • Stattdessen: Rundfunk/Broadcast ist und bleibt technisch das effizienteste, kostengünstige und zuverlässigste Mittel der Verbreitung von Information. Inhaltlich ist Rundfunk das Rückgrat zum diskriminierungsfreien Zugang einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft zu Nachrichten, Bildung und Unterhaltung.

2. „Digitalradio ist das Radio der Zukunft“
Kategorie: Denk- und Kommunikationsfehler – der mehr schadet als er nützt.
Erklärung: Mitte der 1990er Jahre, als die ersten DAB-Sender in Betrieb gingen, war das vielleicht zutreffend. Inzwischen aber ist Digitalradio längst Gegenwart (böse Zungen meinen, eigentlich schon wieder Vergangenheit. Dass das nicht so ist, siehe unter 1.).

Der Zukunfts-Topos kommt daher, weil man elegant umschreiben will, dass bislang die meisten Menschen noch analog hören. Und ihnen soll ja etwas Neues schmackhaft gemacht werden (ausserdem sind Marketingleute und Journalisten oft auch zu faul, sich etwas Neues auszudenken und schreiben statt dessen lieber „bewährte“ Floskeln ab). Versprechen auf eine bessere Zukunft mögen, als Motivationsanreize etwas zu tun, schön und gut sein. Doch inzwischen ist das Digitalradio-Angebot in puncto Programmvielfalt, Versorgung und Geräte hochgradig vorhanden – also Gegenwart.

Um nun die Akzeptanz zu steigern und Anreize zu schaffen es zu nutzen, bringt die Formulierung „Radio der Zukunft“ inzwischen also gar nichts mehr. Im Gegenteil: Die Sie suggeriert stattdessen Unverbindlichkeit. Das ist fatal in einem Zeitalter der Prokrastination, denn das unterschwellige beinhaltete „morgen“, „vielleicht“, „wir warten mal ab“ hemmt jede Aktion.

  • Stattdessen: RADIO IST DIGITAL! Es gibt kein Zurück. Radio wird als analoges Medium in einer ansonsten digitalisierten Welt nicht überleben.

3. „Digitalradio bietet CD Klang“
Kategorie: Unzulässiger Schluss – wird von einigen wenigen als Schwindel erkannt.
Erklärung: Bei der CD wird PCM (Puls Code Modulation) mit einer Datenrate von 1411kbit/s eingesetzt. Das wird als auch „linear“ oder „unkomprimiert“ bezeichnet.
Beim Digitalradio werden Audiocodecs verwendet (z.B. AAC bei DAB+). Sie sollen mit weniger Datenrate auskommen und damit technische und finanzielle Ressourcen schonen. Je nach Programm werden dabei unterschiedliche Datenraten spendiert: Klassische Musik bei 128 kbit/s, ein Nachrichtenkanal vielleicht nur 46kbit/s (Mono) – je nach Qualitätsanspruch und Möglichkeiten des Anbieters.
Audiocodecs machen sich die Tatsache zunutze, dass sich das Gehör täuschen lässt. Welcher Codec bzw. welche Parameter (Datenrate) von der Mehrzahl der Menschen als „genau so gut wie das Original“ (CD) empfunden werden, wird in Hörtests (MUSHRA)ermittelt. Das heißt aber eben auch: Wenige Menschen – oft musikalisch gebildete – können Artefakte vereinzelt wahrnehmen, hören den Unterschied also – obgleich das bei HE-AAC ab 128kbit/s schon sehr unwahrscheinlich wird.

Statt objektiver Kriterien und Parameter wird „Qualität“ so zu einem aus individueller Wahrnehmung statistisch hochgerechneten Wert.
Damit lautet die Gleichung: „Mehr Datenrate = mehr Kosten = Besserer Klang = Geringere statistisches Risiko, für schlechte Qualität entlarvt zu werden“. Prioritätenfrage. Wertfrage. Entscheidungssache…

  • Stattdessen: Warum keine Ehrlichkeit? Prinzipiell liefert Digitalradio allemal einen besseren Sound als analog. Und: Digital kann der Klang an verschiedene Umgebungen angepasst werden (Dynamik und Lautheit sind im Auto anders notwendig als im Wohnzimmer). Zudem: Digitalradio kann auch Surroundsound über Lautsprecher oder Kopfhörer liefern. Die CD? Ach ja, die gab’s auch mal. Und der Streit, ob sie wirklich besser klingt als die LP ist noch immer nicht begraben.

Fortsetzung folgt…(wahrscheinlich)

 

4 Gedanken zu „Ein paar Irrtümer über Digitalradio – die zu korrigieren sind

  1. „Fortsetzung folgt…(wahrscheinlich)“
    …gibt es schon etwas neues? Bin ganz anderer Ansicht, aber gespannt auf andere Perspektiven zum Thema.

    • Dann würde mich Ihre Ansicht interessieren…. Dieser Blogpost entstand vor einem Jahr, aus Anlass und unter Eindruck des grossen BR-Digtalradio-Events. Was hat sich hat sich seitdem getan? Immerhin: Inzwischen werden mehr Digitalradios als Analogradios verkauft… Die meisten davon klingen noch immer besch….eiden (Boomboxen) weit davon entfernt, was die Übertragungstechnik eigentlich liefert. Und gefüttert wird DAB mit…? Richtig: UKW Sound: Optimod, MPX – dem so genannten „Sounddesign“ ….

  2. Digitalradios sind dem analogradio klar im Vorteil.
    Ich bin mit der Klangqualität meines Digitalradio z.b absolute zufrieden und kann mich auch sonst nicht über die Digitalradios beklagen die ich bislang getestet habe.

    Tolle Informationen.

  3. Ich ein sehr neues Modell und muss sagen ich bin mit der Klangqualität sehr zufrieden. Ich vor einem Jahr ein Digitalradio der Marke Phillips und der sound hatte mir damals nicht so gut gefallen.

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