40 Jahre Kunstkopfstereofonie – Vergangenheit mit Zukunft?


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Quelle: BR Historisches Archiv

Vor 40 Jahren wurde mit „Demolition“ die Kunstkopfstereophonie im Radio eingeführt. Das Hörfunkprogramm Bayern2 des BR wiederholt aus diesem Anlass diesen spannenden und packend umgesetzte Science-Fiction-Krimi am 14. Dezember um 15:05.

In den 80er Jahren schwand dann das Interesse an der Technik. Jetzt aber wird sie wieder interessant: Die Digitaltechnik ermöglicht heute neue Ansätze, das Raumklangerlebnis via Kopfhörer zur transportieren. Aber vor allem: Hörgewohnheiten und Mediennutzung bieten jetzt bessere Voraussetzungen …

Im New York des 24. Jahrhunderts setzt die Polizei „Espers“ – Gedankenleser – ein, um Verbrechen zu verhindern. Ben Reich, Chef eines großen Unternehmens, steht vor dem Ruin. Nur die Beseitigung seines Konkurrenten könnte ihn retten. Er plant, ihn zu ermorden. Mit Hilfe eines „Jingles“ (Ohrwurms) will er die Gedankenpolizei aussperren…

Die als Koproduktion von RIAS, WDR und BR realisierte Adaption des Romans „The demolished man“ von Alfred Bester (1913-1987) war ein idealer Plot, um die Möglichkeiten der Kunstkopftechnik eindrucksvoll vorzuführen. Bei der Realisation wurden dramaturgisch und technisch alle Register gezogen. Perfekt zu erleben ist das freilich nur über Kopfhörer.

Natürliches Hören

Ein paar Jahre zuvor waren die Ingenieure Ralf Kürer, Georg Plenge und Henning Wilkens des Berliner Heinrich-Hertz-Instituts auf die Idee gekommen, den Kunstkopf für Tonaufnahmen einzusetzen. Zuvor diente er ausschließlich für Messungen, um die Akustik von Räumen wie Theatern und Konzertsälen zu analysieren. Da inzwischen HiFi-Stereo gute Audioqualität in die Wohnzimmer liefern konnte, wurde Kunstkopfstereofonie als Raumklangerlebnis für das Radio gefeiert. Die Schallplattenindustrie fokussierte sich hingegen auf die Quadrophonie, mit 4 Lautsprechern – eine Technik die für Radio damals nicht möglich war.

Idee und Prinzip der Kunstkopfstereophonie sind simpel und einleuchtend: Menschen hören räumlich, da das Gehirn Schallereignisse im Raum über die Laufzeitunterschiede des linken und rechten Ohres wahrnimmt. Wenn nun 2 Mikrofone in einem Kunstkopf an dort angebracht sind, wo beim Mensch das Trommelfell sitzt – und dann die 2-kanalige (stereofone) Wiedergabe wiederum möglichst nah am Ohr erfolgt, müsste sich der Raumeindruck annähernd übertragen lassen. Dieses Hören ist natürlicher und angenehmer: Man hat nicht das störende Gefühl der Sprecher, oder die Musik sitzen im eigenen Kopf. Im Idealfall vergisst man sogar, dass man Kopfhörer aufgesetzt hat.

Einführung mit großem Tamtam

Pressevorführung "Demolition" 1973

Quelle: BR

Man gab sich damals viel Mühe und rührte kräftig die Werbetrommel. Ein Film im Archiv des Bayerischen Fernsehens erläuterte die verschiedenen Technologien und berichtete von dem großem Tamtam, der Pressevorführung des Hörspiels.

IFA Historie

Quelle: IFA Pressearchiv

Bei der Berliner Funkausstellung 1973 wurde die „Kunstkopftechnik“ von den ARD-Anstalten gemeinsam präsentiert und für die Produktion eingeführt. Gleichzeitig bewarb die Firma Sennheiser damit ihren neuentwickelten „offenen“ Kopfhörer HD414 als besonders für die Wiedergabe geeignet (damals gab tatsächlich es nur wenige gut klingende Kopfhörer). Die Promoplatte verkaufe sich 25.000 mal. Sogar Der Spiegel berichte in einem dreiseitigen Artikel…

Binnen eines Jahres wurden allein im Bayerischen Rundfunk 15 Produktionen in „kopfbezogener Stereofonie“ erstellt und gesendet. Alle Gattungen und Sendeformen wurden getestet: Hörspiel, Feature, Musik, aber auch bei Studiodiskussionen wurde der „Dummy“ eingesetzt. Vor jeder Kunstkopfsendung gab es erklärende Hinweise und Anleitungen, wie man das am besten hören solle: „Setzen Sie Kopfhörer auf, sitzen Sie entspannt im Sessel, schließen Sie die Augen….“ Stets wurde auch auf die zwei Schwachpunkte verwiesen: Die Vorneortung ist schwierig – auch ein psychologisches Phänomen, da man ja auch über die Augen orten kann, woher der Schallkommt. Und: Es geht halt nur mit Kopfhörer – die Techniker suchten damals lange und vergeblich nach Lösungen für die Lautsprecherwiedergabe.

Begeisterte Hörerzuschriften

Hörerbrief1-Demolition

Quelle: BR Historisches Archiv

Dennoch zeigten sich die Radiohörer begeistert. Im Historischen Archiv der BR liegen Aktenordner mit mehreren hundert durchwegs positiven Zuschriften, die nach Kunstkopfsendungen in den Redaktionen eingegangen sind.

 

1974 haben die Programmacher und Techniker des BR ausführlich in einer 90-minütigen Sendung Beispiele präsentiert und über ihre Erfahrungen berichtet.

Musik: Nein – Wort: Ja

Schnell zeigte sich, dass Kunstkopfstereofonie bei Wortproduktionen interessant ist: Sowohl wegen der Gestaltungs- und Kontrastierungsmöglichkeiten für Räume im Hörspiel, als auch der Authentizität und Realitätsnähe im Feature. In der Musikproduktion hingegen stieß sie auf Ablehnung: Dirigenten und Musiker zogen die konventionelle Stereomischung der Kunstkopfaufnahme vor, und gaben letztere nicht zur Veröffentlichung frei. Konzert und Opernaufführung gerieten so zur „bloßen Reportage“ und nicht zu einer „gestalteten Produktion“, hieß es. Sprich: Das Abmischen von Multimikrofonie- und Mehrspurbändern bot viele Möglichkeiten der Balancegestaltung und –optimierung von Aufnahmen. Bei reinen Kunstkopfaufnahmen hingegen geht das nicht. Genau das aber war der ursprüngliche Gedanke der Entwickler gewesen: Nicht den Konzertsaal nach Hause bringen – sondern die Ohren des Hörers an den Ort des Geschehens.

Auch der Anteil von Kunstkopfproduktionen für den Schallplattenmarkt blieb gering. Einige kleine Labels spezialisierten sich auf Klassikaufnahmen. In Pop- und Rockmusik waren Mehrspuraufnahmen und additive Produktionsprozesse inzwischen ohnehin Standard. Trotzdem probierten einige experimentierfreudige Künstler wie Klaus Schulze, Edgar Froese und die Gruppe Can sie aus. Der kürzlich verstorbene Lou Reed hingegen, produzierte gleich drei Alben: Zuerst das atmosphärische „Live – Take no Prisoners“ (1978, aufgenommen im New Yorker Bottom Line Club), danach die beiden Studio-LPs „Street Hassle“ (1978) und „The Bells“ (1979) – allesamt entstanden in Zusammenarbeit mit dem deutschen Produzenten Manfred Schunke und den Delta Studios in Wilster.

Spannende Hörspiele – eindruckvolle Features

So sind von den rund 60 Kunstkopfproduktionen, die allein im Archiv des BR nachweisbar sind, die Mehrzahl Hörspiele.

Neben „Demolition“ zeigen Kurzhörspiele wie „Euphorie“ von Paul Pörtner, „Anstand und Gelenkigkeit“ von Wilhelm Killmeyer oder das abendfüllende „Die Akademie“ von Ronald Steckel und dem Komponisten Peter Michael Hamel, wie außerordentlich inspirierend die Gestaltungsmöglichkeiten der Kunstkopftechnik auf Autoren und Musiker wirkte.

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Quelle: Hörspielpark

Dass die Technik nicht ganz vergessen und nach wie vor beeindruckt, zeigte kürzlich der Hörspielmacher Paul Plamper: Er hat sein preisgekröntes Stück „Der Kauf“ (WDR, DLF, BR) mit Kunstkopftechnik realisiert. Hier wird der Hörer zum intimen Ohrenzeuge eines eskalierenden Streits zweier junger Paare um eine Immobilie. Ein ideales Sujet in kongenialer Umsetzung (wenngleich der Hinweis auf „Kunstkopfstereo“ oft leider vergessen wurde).

BR-Kunstkopf

Quelle: wb

Und es gibt auch interessante Hörbilder und Features. Der ehemalige Hörspielchef des BR, Hansjörg Schmithenner, bereiste nach seiner Pensionierung den Globus mit einem Kunstkopf und produzierte aus dem Material seine legendäre Soundscapes „Welthören“, die auch auf CD veröffentlicht wurden. Und der renommierte BR-Autor Ekkehard Kühn hat in seiner Produktionen, in denen es um das Thema Hören und Wahrnehmen geht, die Kunstkopftechnik exemplarisch eingesetzt („Die mit den Ohren sehen“, „Das Ohr im Jahr 2000“).

Davon angeregt habe ich seit 1993 bei vielen meiner eigenen Reportagen und Features Kunstkopf- bzw. OriginalKopfMikrofone (Ohrstöpselmikros) eingesetzt. Neben den guten akustischen Eigenschaften, sind sie auch sehr praktisch, weil man die Hände frei hat. Und: Manch ein Interviewpartner erzählt ungezwungener, wenn ihm nicht mit dem Mikro vor dem Mund rumgefuchtelt wird.

Ein Glücksfall war, das Alan Parsons 1997 während einer Tour durch die Londonder Abbey Road Studios mir dabei zum ersten Mal 5.1 Surround Sound vorführte.


Mit Alan Parsons in den Abbey Road Studios (1997 Ausschnitt) – Kopfhörer benutzen! Use headphones!

Zu Beginn der 80er Jahre aber erlahmt das Interesse an Kunstkopfstereofonie und die Menge der Produktionen ebbt ab. Merkwürdigerweise just zu jenem Zeitpunkt, als mit dem Walkman sich die Hörgewohnheiten zu verändern beginnen….

Heute: Personal audio

Längst ist das Hören mit Kopfhörern zu einem Massenphänomen geworden. In den Unterhaltungselektronikmärkten gibt es wändeweise Auswahl. Aktuell werden allein in Deutschland jährlich 12 Millionen Kopfhörer verkauft – Durchschnittspreis: 35.- €. Setzt man das in Beziehung zu den rund 20 Millionen Smartphones und MP3-Playern, lässt sich schließen, dass für jedes zweite Gerät ein neuer Kopfhörer gekauft wird – sei es, weil der erste verloren geht, oder es eben ein besserer sein soll.

Auch haben sich die Verbreitungswege geändert: Mit einem portablen UKW-Empfänger unterwegs analoges Radio in Stereo über Kopfhörer zu hören, war und bleibt kein Genuss. Etwas besser geht das über DAB oder via Internet. Und erst recht liefern Podcasts und Downloads heute eine störungsfreie und akzeptable Klangqualität auf die Personal-Audio-Geräte.

Aber vor allem auf der Produktionsseite gibt es heute mehr Möglichkeiten. Um mit einem Kopfhörer ein räumliches Klangerlebnis zu erzeugen, muss bei der Aufnahme kein Kunstkopf mehr verwendet werden. Mehrkanalige Surroundsound-Aufnahmen (5.1, 7.1 oder gar 22.2 bei 8K-UHDTV) können digital binaural gerendert – also in virtuell erzeugte Räumlichkeit umgerechnet werden. Das Münchner IRT, das Fraunhofer Institut IIS in Erlangen und andere haben entsprechende Computerprogramme dafür entwickelt, bzw. in Apps für Smartphones und Tablets integriert (Zum Beispiel Cingo auf Google Nexus Tabets).

Forschung und Entwicklung

Nouvoson-Website

Quelle: www.nouvoson.fr

Radio France hat das Potential des binauralen Hörens erkannt und setzt die Technik im Rahmen eines Internetangebots nouvOson offensiv ein. Auf dieser Website werden Musikaufnahmen, Hörspiele, Dokumentation und Soundscapes sowohl in 5.1 Surround als auch binaural angeboten. Und in dem gemeinsam mit Forschungspartnern wie Orange, IRCAM und France Television aufgesetzten BiLi-Projekt sollen Forschung und Entwicklung vor allem in Richtung Personalisierbarkeit und damit Optimierung des Klangerlebnisses vorangebracht werden. Erst kürzlich wurden beim Forum International du Son Multicanal FISM in Paris aktuelle Entwicklungen und herausragende Produktionen präsentiert (siehe Bericht auf meinem Blog).

Bei der BBC, die ebenfalls bereits in den 70er Jahren mit Kunstkopfstereofonie angefangen hat, arbeitet die R&D Abteilung in Manchester an der Weiterentwicklung der objekt-orientierten Produktion. Dmit diesem universellen Ansatz soll es gelingen, die ständig mehr werdenden Varianten technischer Formate, Verbreitungswege und Geräte unter einen Hut zu bekommen (mehr dazu hier auf dem Blog). Je nach Gerät und Hörsituation könnte dann mehrkanalige oder binaurale Wiedergabe erzeugt werden.

Ansonsten interessieren sich Forschungsabteilungen der Telekommunikationsbranche für „binaural“. Vor allem Telefon- und Videokonferenzen sollen mit dieser Technik verbessert werden.

Nur Vergangenheit – oder auch Zukunft?

Dafür, dass sich deutsche Rundfunkanstalten vor 40 Jahren so sehr für die Kunstkopfstereofonie eingesetzt haben, wurde das Jubiläum jetzt doch ziemlich vergessen. Da aber gerade sie in ihren Archiven einen ansehnlichen Bestand von historischen Kunstkopfproduktionen haben, wäre angesichts der jetzigen Möglichkeiten zu wünschen, dass diese Schätze gehoben und zugänglich gemacht werden (freilich gibt es da sicher einige lizenzrechtliche Hürden).

Und neue Ideen, Konzepte und Angebote für binaurale Hörerelebnisse im Radio wären ja auch eine Perspektive . . .

Links für mehr:

5 Gedanken zu “40 Jahre Kunstkopfstereofonie – Vergangenheit mit Zukunft?

  1. Pingback: 40 Jahre Kunstkopfstereofonie – Vergangen...

  2. Pingback: Radio und Hifi: 90 Jahre guter Ton | bleisätze

  3. Wow! Eine tolle Aufnahme mit Alan Parsons – die zugleich Vor- und Nachteile der OKM (=Originalkopf)-Technik demonstriert. Das Raumempfinden der Aufnahmeräume ist wahnsinnig gut! Aber Alan scheint ständig um dich rum zu flitzen (weil du zum Schauen ja den Kopf drehen musstest), das ist natürlich unangenehm.

    Ich war auch immer ein Kunstkopf-Fan und hatte mit Vaters Sennheiser MKE-2002 und Tonband auch selber als Kind „Spontanhörspiele“ (unter über-reichlichem Gebrauch der Echo-Funktion des Grundig!) damit fabriziert. Als Synthesizer Fan hat mich das nie losgelassen, dass ich am Mischpult mit der Elektronik nicht so einen räumlichen Eindruck hinbekam. (Robert Schroeder hatte daher für seine Elektronik-Platte „Brain Voyager“ 1985 Lautsprecher in einer Kirche um den „Aachen Head“ aufgestellt!)

    Aber später gelang es mir mit digitalen virtuellen und echten Kunstköpfen auf meiner CD „Empire of Illusions“, erschienen 2000 auf Spheric Music und zu haben (und hören) hier: http://palantir.bandcamp.com/album/empire-of-illusions

    • Genau so ist es. Insofern bietet diese Technik in Verbindung mit (3D) Bild dann heute noch andere Möglichkeiten. Einen kleinen Vorteil gab’s bei „Foreign speakers“ obendrauf: Das deutsche Voiceover in der Mitte stört wenig den Gesamteindruck und man kann, das Ohr fokussierend dem Originalton lauschrn.

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